Zwischen Palmsonntag und Karfreitag, zwischen «Hosianna» und «Kreuzigen»

Von Renate von Ballmoos, Pfarrerin Predigerkirche (Kirchenkreis eins)

Wie schnell doch die Stimmung kippen kann: Aus Begeisterung wird Ernüchterung, aus Jubel Gezänk und Gezeter, aus Verehrung und Hoffnung wird Resignation, gar Hass.

«Hosianna» riefen die Menschen bei Jesu Einzug in Jerusalem. Auf einem jungen Esel kam er geritten, umjubelt, beklatscht, emporgehoben, als Friedensfürst und König willkommen geheissen. «Hosianna!» Doch bald schon kippte die Stimmung, wie so oft. Und die Menschen schrien, ebenso fanatisch: «Kreuzigen»…

Wie oft sind auch wir bereit, gedankenlos mitzuklatschen oder mitzuschreien, wie oft verzichten wir aufs kritische Denken, und übernehmen für unser Schreien, unser Handeln keine Verantwortung. «Die andern denken, rufen, handeln ja auch so…». Und wie oft schlägt unser Mitmachen und Mitschreien um in Gleichgültigkeit, in dumpfes Schweigen aus Angst, aus Enttäuschung und Resignation.

Damals muss etwas Ähnliches geschehen sein. Die Menschen, die erst noch so gejubelt oder später geschrien hatten, sie alle, fast alle, haben sich später, als es ernst wurde, todernst, sie haben sich davongestohlen, still, ängstlich, enttäuscht.

Nicht nur in diesem Jahr, aber in diesem ganz besonders, sind wir in Gefahr, dass es uns ähnlich geht. Die Osterfreude wird uns vergällt. Wer gewohnt war, in Gottesdiensten und Meditationsnächten diese besondere Zeit zu begehen, wird auf schale Ersatzangebote angewiesen sein. Wer gewohnt war, beim grossen und gemütlichen gemeinsamen Osterbrunch die Auferstehungsfreude zu feiern, wird dies in ganz kleiner Runde oder allein tun müssen. Und all die schönen Osterausflüge sollen wir auch sein lassen.

Leere Bahnhöfe und leere Strassen dominieren zurzeit unseren Alltag.

Schlägt unsere vernünftige, pragmatische Haltung der letzten Wochen um in trotziges «jetzt erst recht» oder gar in tiefe Depression?

Ich wünsche uns, dass wir auch ohne die gewohnten Oster-Rituale und Fest-Gewohnheiten etwas davon spüren, dass Auferstehung stattfindet, immer stattfindet, «für uns» stattfindet – auch wenn wir diesmal aufs Feiern verzichten müssen.

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